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TKKG::Die Chroniken der Zukunft::Das Ende der chinesischen Vase

Das Ende der chinesischen Vase


Tim war sofort hellwach. Die von ihm selbst komponierte, aus drei Tönen bestehende Melodie verhiess Ärger. Der Ton war seine Abschlussarbeit im Seminar 'Klangtherapie für aggressive Kampfsportler', an dem er auf Anraten Kommissar Glockners teilgenommen hatte, um einer lächerlichen Anklage wegen Beschädigung öffentlichen Eigentums in 37 Fällen zu entgehen. Jetzt diente die Melodie als Erkennungszeichen für unbekannte Anrufer, die aus unerfindlichen Gründen seine Mobilfunknummer kannten.

Er langte mit geschlossenen Augen zum Handy und nahm ab: "Ja bitte? Ich weiss nicht, wer Sie sind, aber Sie machen sich der nächtlichen Ruhestörung schuldig, so etwas kann ich nicht tolerieren! Und wenn Sie Gabi ein Haar krümmen, sollten Sie sich schon mal einen Platz in der Notfallambulanz reservieren" "Ähem, Tim?" Tim setzte sich ruckartig auf. Das war Gabis Stimme! "Pfötchen, was ist los?" "Tim, ich kann nicht schlafen und..." "Ja, schon klar, ich komme und..." "Äh, nein, ich möchte eigentlich nur ein Glas Wasser haben, traue mich aber nicht in die Küche, weil es so dunkel ist, und außerdem meine ich, ein Geräusch gehört zu haben." "Ja", mischte Karl sich ein, "ich habe es auch gehört." "Karl!" Tim war fassungslos. "Was machst Du bei... Ga..." "Pssst", zischte Gabi, "Karl hilft mir hier bei einem Problem mit der Matratze." Tim atmete tief durch. Natürlich, das machte Sinn. Karl war echt ein guter Kumpel, der schon des Öfteren technische Probleme bei Gabi behoben hatte, zu jeder Tages- und, was Tim ihm hoch anrechnete, Nachtzeit, wenn er, Tim, wieder einmal seinen ewigen Kampf gegen Verbrecher, Penner und Falschparker ausfocht. "Tim?" "Ja Gabi?" "Es wäre vielleicht ratsam, das ganze Haus zu durchsuchen, wer weiss, was der Kerl vorhat." Tim kalkulierte kurz die benötigte Zeit. "OK, ich brauche ungefähr eine halbe Stunde" "Das sollte reichen" "Richtig, Karl"Tim entfernte die Gurkenmaske von seinem Gesicht, zog sich lautlos an und begann seine Exkursion.

Zunächst horchte er an Gabis Zimmertür, hörte sie und Karl aufgeregt atmen und lächelte. Naja, kann ja nicht jeder so cool und mutig wie ich sein. Er ging weiter zu Kloß' Zimmer, aus dem Schnarch- und Kaugeräusche ertönten, offenbar war Kloß wieder damit beschäftigt, sein Kopfkissen zu verzehren. Er überprüfte das Billardzimmer, das Bad und das Fernsehzimmer und ging hinunter in den ersten Stock. Schon auf der Treppe hörte er es:

Ein dumpfes, niederfrequentes Dröhnen ertönte in regelmäßigen Abständen. Tim erstarrte und konzentrierte sich. Aus dem Laufzeitunterschied zwischen dem linken und rechten Ohr ermittelte er unter Berücksichtigung der vermuteten Gemäuerstruktur den genauen Ursprungsort des Geräusches. Es kam aus dem Keller, präziser: Aus dem Hobbyraum von Herrn Sauerlich.

Herr Sauerlich war ein begeisterter Modellbauer. Tim hatte sich schon immer gefragt, wie jemand, der so dick war, so geschickt mit den Händen sein konnte und hochdetaillierte Modelle von Schiffen, Flugzeugen und Gebäuden anfertigen konnte. Dabei griff Herr Sauerlich nicht nur auf handelsübliche Modellbausätze zurück, sondern modellierte auch mit Streichhölzern, Kronkorken, Pommesgabeln und vielem anderen mehr. Sein ganzer Stolz war eine komplette Miniatur der Innenstadt, an der er fast zwei Jahre gearbeitet hatte.

Als Tim diese Szenerie vor einigen Monaten das erste mal sah, war er höchst erstaunt, dass dieses Modell besser gelungen war als das Modell der JVA, das er in der vorigen Woche aus alten Kronkorken gebastelt hatte. Bisher war Tim davon ausgegangen, dass er beim beim kommenden Modellbauerwettbewerb gewinnen würde, aber das Modell von Herrn Sauerlich war echt spitzenklasse. Während er darüber grübelte, fiel ihm aus Versehen der Vorschlaghammer, den er zufällig bei sich trug, auf das Modell.

Als Herr Sauerlich, der den Lärm gehört hatte und in den Keller gelaufen war, die Bescherung sah, verfinsterte sich sein normalerweise freundliches, dickliches Gesicht. Tim beschloss, offen und ehrlich zu sein, zumal Kloß nicht da war und demzufolge nur er, Tim, als Verursacher in Frage kam. Also erzählte er Herrn Sauerlich, dass ihm versehentlich sein Hammer auf das Modell gefallen sei, und dass die TKKG-Crew selbstverständlich den Schaden wieder gutmachen würde, sobald Karl und Gabi fertig mit der Reparatur von Gabis Whirlpool waren.

Herr Sauerlich war zwar immer noch niedergeschlagen, lächelte aber tapfer, warf noch einen Blick auf den zehn Zentimeter tief im Boden steckenden Hammer und beschloss, sich ein Weilchen hinzulegen. Gabi und Karl waren wenig später, frisch geduscht und guter Laune aufgetaucht und hatten auch Kloß dabei, den sie beim Herumlungern bei den Schweineimern des Krankenhauses aufgelesen hatten.

Da Kloß zu ungeschickt für manuelles Arbeiten war, machten Tim, Karl und Gabi sich ans Werk, nachdem Karl die nötigen Utensilien mit Kloß' goldener Kreditkarte gekauft hatte. Nach einer Weile mussten sie allerdings feststellen, dass sie das Modell niemals rechtzeitig zum Modellbauerwettbewerb würden fertigstellen können. Also schickte Tim Kloß zu Herrn Sauerlich, damit dieser ihm die Situation erklärte. So konnte Herr Sauerlich leider nicht an dem Wettberwerb teilnehmen. Tim gewann den Wettbewerb, da alle anderen Teilnehmer wegen der Verwendung von nicht erlaubten Klebstoffen disqualifiziert wurden. Die Klebstoffregelung hatte er in seiner Funktion als erster Vorsitzender des Modellbauervereins einen Tag vor dem Wettbewerb erlassen.

Daran erinnerte Tim sich, als er vor der verschlossenen Tür stand, durch die das Dröhnen klang. Er blickte durch das Zylinderschloss, sah aber nicht viel. Kurzentschlossen riss er die Tür auf.

Seinen Augen bot sich ein erstaunlicher Anblick: Georg, der Chauffeur bearbeitete eine Ming-Vase mit einem Schweissbrenner. Die Vase war schon halb geschmolzen und ein infernalischer Gestank erfüllte die Luft. "Dieser Schuft", dachte Tim. "Jetzt will er sich dafür rächen, dass ich ihn wegen seiner Inkompetenz zurechtgewiesen habe. Offenbar will er mich bei Herrn Sauerlich anschwärzen. Na warte, Freundchen."

Georg drehte sich erschrocken um, als Tim den Stecker vom Schweissgerät aus der Wand riss, nicht ohne die Steckdose und einen halben Meter Unterputzkabel mitzunehmen, er liess die Vase fallen, aber Tim konnte sie mit einem raffinierten Sidekick davon abhalten, auf ein zufällig am Boden liegendes Kissen zu fallen. Die Vase flog gegen die Wand, wo sie in tausend Stücke zersplitterte. Georg starrte ihn verständnislos an: "Aber...aber gnädiger Herr, was soll das? Ich hatte die Vase schon zur Hälfte wieder zusammengeklebt und neu lackiert und..." "Ja klar", entgegnete Tim bissig, "mit einem Schweissgerät." "Nein", verteidigte Georg sich. "Das ist eine Heissluftpistol..." "Wollen Sie mich mit einer Waffe bedrohen? Sie..." Tim stockte, das Gerät sah tatsächlich wie eine Heissluftpistole aus, und der Geruch, der in der Luft hing, kam ihm bekannt vor, er roch wie das Spezialkunstharz, mit dem er neulich die Klinke der Haustür in der Heldengasse 42 präpariert hatte, um den Lump zu ermitteln, der immer die Tür laut zuknallte. Leider war der Plan fehlgeschlagen, weil Kloß in seltener Dämlichkeit die Klinke berührt hatte, als er nach hause kam.

Aber das war jetzt nicht wichtig, viel wichtiger war, dass Georg sich anmaßte Tim eine falsche Verdächtiung zu unterstellen. Tim atmete tief durch, Georg war halt nur ein unterpriveligierter Angestellter, und er wollte kein Unmensch sein. "Na gut, lassen wir es dabei bewenden. Wenn Herr Sauerlich wieder da ist, erzählen Sie ihm, dass sie die Vase, die ein unbekannter Eindringling zerdeppert hat, leider nicht reparieren konnten, klaro?" Georg nickte, wirkte aber leicht verwirrt. Das sollte aber nicht Tims Problem sein. Er ging wieder nach oben, um seinen Freunden zu berichten. Zunächst ging er zu Gabis Zimmer, aus dem Quietscheräusche ertönten. Er erwog, die Tür einzutreten, falls Gabi in Gefahr sein sollte. Aber das erschien ihm übertrieben, es könnte ihm als Eifersucht ausgelegt werden, und dass er Karl verdächtigte, mit Gabi... Tim trat die Tür ein und stürmte ins Zimmer.

Karl und Gabi starrten ihn entsetzt an. Sie saßen auf dem Boden vor dem an die Wand gelehnten Bettgestell, das Karl gerade mit einem quietschenden Akkuschrauber bearbeitete.

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